Lerntipps

Lückenlernen gegen Lernlücken

„Wie heißt die Hauptstadt von Bulgarien?“ fragte der Lehrer Tobias, der sich viel zu wenig auf diese Geografieprüfung vorbereitet hatte.

Ratlos blickte sich Tobias in der Klasse um und versuchte von den Lippen seiner MitschülerInnen abzulesen. Vergebens. Er konnte in den Lippenbewegungen keinen Namen entdecken.

„Der Name stand vor ein paar Tagen sogar im Kalender!“ versuchte ihm der Lehrer auf die Sprünge zu helfen, denn die  »Eisheiligen waren gerade mit dem im Mai häufigen Kälteeinbruch vorübergezogen.

Tobias verstand nur Bahnhof, denn er begriff nicht, was der Name einer Hauptstadt mit dem Kalender zu tun haben sollte.

„Es ist auch ein heute eher seltener Frauenname“ versuchte es der Lehrer ein letztes Mal.

Im Prinzip waren die Hinweise richtig, allerdings …

… stammten diese aus dem Wissensschatz des Lehrers, der wusste, dass eine der »Eisheiligen die „Kalte Sophie“ war und dass der Name der Stadt ein heute eher ungebräuchlicher Frauenname ist.

Tobias hätte viel eher geholfen, wenn ihn der Lehrer an sein Referat über Sophokles erinnert hätte, das er vor zwei Wochen gehalten hatte, da dessen Name die erste Silbe mit dem gesuchten Städtenamen gemeinsam hat.

Wenn Menschen lernen, dann lernen sie niemals isoliert, sondern immer in einem Zusammenhang bzw. in einer konkreten inhaltlichen „Umgebung“. Dieses Drumherum wird automatisch mitgelernt, wobei der neue Inhalt mit Vorhandenem verknüpft wird. Zum Vorhandenen gehören die früheren gespeicherten Wissensinhalte, an die sich der neue Inhalt gewissermaßen „anhängt“.

Erinnern funktioniert umgekehrt, indem man sich in Gedanken in diese „Umgebung“ begibt und die gelernten Verknüpfungen in umgekehrter Reihenfolge auflöst. Beim Erinnern an einen Lernstoff kommt es letztlich darauf an, sich in die richtige Umgebung zu begeben.

Auch im Alltag erinnern sich Menschen an früher Erlebtes oder Gelerntes, wenn sie einen Hinweis auf die Umgebung erhalten, die damals beim Einprägen vorhanden war. So erinnern sie sich an ein längst vergessen geglaubtes Erlebnis mit einem Bekannten, wenn sie ihn Jahre später zufällig wiedersehen. Manchmal genügt zur Erinnerung auch, jemanden zu sehen, der diesem Bekannten nur ähnlich sieht. Menschen erinnern sich an ein eigenes, unangenehmes Erlebnis mit der Polizei, wenn sie einen Strafmandate schreibenden Polizisten sehen. 

Beim Lernen für die Schule passiert Ähnliches:

Zunächst studieren wir z.B. einen Absatz in einem Lehrbuch, in welchem vielleicht fünf oder sechs Informationshäppchen stecken, die wir lernen wollen. In unserem Fall sind diese Häppchen vielleicht: Sofia ist die Hauptstadt von Bulgarien, liegt am Iskar, einem Nebenfluss der Donau (bulgarisch Dunaw), Name nach der Sophienkirche, zerstört von Hunnen, gehörte zum Osmanischen Reich, ist seit 1879 Hauptstadt. Diese Informationen werden in unserem Gehirn meist durch Wiederholungen miteinander verknüpft, aber auch durch Verknüpfungen mit anderen früher gelernten Informationen (etwa wenn der Name der Stadt „Sofia“ die erste Silbe mit „Sophokles“ gemeinsam hat oder dass Sophia der Name einer Eisheiligen ist). Ziel des Lernens in unserem Beispiel wäre daher, auf die Hinweise „Hauptstadt“ und „Bulgarien“ sich an „Sofia“ oder an den Namen des Donaunebenflusses Iskar zu erinnern. Manche Informationen verknüpfen sich beim Lernen in unserem Gehirn leichter, andere schwerer, manche leider überhaupt nicht.

Wenn SchülerInnen später über den gelernten Stoff geprüft werden, dann enthält jede Frage eines Lehrers schon Hinweise auf die Antwort, nur leider in manchen Fällen zu wenige oder auch die falschen, um sich sofort an die richtige Antwort zu erinnern.

Wir können das Lernen dadurch unterstützen, indem wir die zu lernenden Stoffhäppchen untereinander auf ein Blatt Papier schreiben, und dann eine dieser Portionen mit einem Streifen Papier verdecken und versuchen, uns aus den sichtbaren an die verdeckte zu erinnern. Später können wir dann zwei oder drei dieser Wissenshäppchen abdecken und aus den sichtbaren auf die unsichtbaren rückschließen. Wenn uns dann bei der Prüfung oder überhaupt später im Leben ein solcher Happen hingeworfen wird, dann erinnern wir uns mehr oder weniger gut an die übrigen, die wir damit verknüpft hatten.

Es kann auch sinnvoll sein, beim Lernen bekannte Informationen, die bereits in unserem Gehirn gespeichert sind, zu den zu lernenden hinzuzufügen. In unserem Beispiel vielleicht die Namen der angrenzenden Länder oder den alten Namen der Donau „Ister“, der ein wenig wie „Iskar“ klingt. Tobias hat „innerlich“ beim Lernen an sein Sophokles-Referat gedacht, während der Lehrer deshalb an Sofia dachte, da er sich zu den Eisheiligen einen Schnupfen geholt hatte, der ihn noch immer plagte. So baut jeder sein Netz an persönlichen Hinweisen, das ihm später hilft, sich an das Gelernte zu erinnern. Manchmal ist es wie verhext, denn man kann sich genau erinnern, wo auf der Seite im Buch das Gelernte stand, aber der Groschen will nicht fallen (siehe dazu den Lerntipp „Wie heißt die Hauptstadt von …“).



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