Lerntipps

Lauf den Vokabeln hinterher!

"Du hast bei der letzten Schularbeit zwar keinen einzigen Rechtschreibfehler, aber der Ausdruck ist leider wenig gelungen", sagte der Lehrer, als er Michael die Englisch-Schularbeit überreichte. "Daher ist es nur ein Befriedigend! Du solltest mehr Vokabeln lernen und deinen Wortschatz vergrößern, denn im Text kommt gezählte 17 Mal das Wort "go" oder "went" vor!"

Michael war enttäuscht, denn er hatte sich in den letzten Wochen sehr bemüht, alle neuen »Vokabeln zu pauken. Stundenlang war er in seinem Zimmer gesessen und hatte das Vokabelheft von vorne nach hinten und von hinten nach vorne durchgearbeitet. Seine Mutter hatte seinen Fleiß sehr wohl registriert und lobte ihn daher dieses Mal auch für die durchschnittliche Note, denn sie hielt es für einen großen Fortschritt, dass er dieses Mal keine Rechtschreibfehler hatte.

Wie man aus der Erfahrung weiß, führt das Erlernen von Vokabeln kaum zu einer Verbesserung des Stils, denn beim Pauken von Vokabellisten wird kein Zusammenhang zu wirklichen Dingen und Ereignissen hergestellt, sondern höchstens ein Zusammenhang zum Lernvorgang selber (siehe dazu unseren Lerntipp "Wie heißt die Hauptstadt von …"). Beim Listenlernen weiß man häufig nur mehr, dass das benötigte Wort links unten auf der fünften Seite des Vokabelheftes steht. Das Wort liegt einem auf der Zunge, aber es fällt einem bei aller Anstrengung nicht ein. Schon gar nicht fällt es einem ein, wenn man dann in einem fremden Land in einem Laden steht und den Verkäufer nach einer Ware fragen möchte.

Ein Problem dieses Listenlernens ist auch, dass die gelernten Wörter in keinem anderen Zusammenhang stehen als in dem der Reihenfolge im Vokabelheft. Das hilft vielleicht, sich am nächsten Tag in der Schulklasse an das Wort zu erinnern, aber ein halbes Jahr später im Urlaub bei der Frage nach dem Weg zu einem Museum fehlt dieser Zusammenhang, sodass das Kramen in den Gehirnwindungen erfolglos bleibt.

Beim Erlernen der Muttersprache in der Kindheit werden neue Begriffe in Situationen erlernt, in denen die benannten Gegenstände oder Ereignisse tatsächlich vorhanden sind, oder man hat zumindest eine anschauliche Vorstellung von ihnen. Auch wird vieles in Gesprächen mit anderen Menschen, oft in einem Frage-Antwort-Dialog erfahren, also steckt ein gewisses Ausmaß an Neugier hinter dem Versuch, den Namen einer Sache zu erfahren. Die Wörter verbinden sich so mit konkreten Ereignissen, mit Handlungen oder Orten und kommen daher immer dann, wenn es später eine Ähnlichkeit zur aktuellen Situation gibt, wie von selbst zum Vorschein. Das alles trifft aber nicht zu, wenn man beim Erlernen still in seinem Zimmer über einem Heft brütet.

Vokabeln sollte man wenigstens im Auf- und Abgehen lernen, oder auch in Form eines Laufdiktats. Bei manchen Wörtern hilft es auch, sich dazu einprägsame Bilder oder Ereignisse vorzustellen. Bei Zeitwörtern kann man vielleicht versuchen, die Tätigkeit selber auszuführen oder sich diese zumindest lebhaft vorzustellen. Manche Vokabeln wie Namen oder abstrakte Begriffe lassen sich auch damit kaum in den Griff bekommen. Dann sollte man sich eine Geschichte dazu ausdenken, oder man formuliert zumindest einen Satz, in dem das zu erlernende Wort in einen konkreten Zusammenhang oder Handlungsablauf gestellt wird. Man kann natürlich auch mehrere neue Wörter in eine Geschichte einbauen. Zum Beispiel könnte man einen "Vokabelkoffer" packen, in den man die Vokabeln wie Gegenstände für einen Urlaub einpackt, diese Wörter dabei auch laut ausspricht und sich überlegt, was man damit im Urlaub alles tun könnte. Bilder und Bewegung ersetzen zwar nicht das schriftliche oder akustische Lernen, aber sie ergänzen und unterstützen es, sodass man später in einer konkreten Situation eine größere Chance hat, sich an das Gelernte zu erinnern.

Empfehlenswert ist auch ein Vokabel-Poster, das man ständig sichtbar an einer häufig besuchten Stelle in der Wohnung aufhängt. Im Vorübergehen prägen sich die Vokabeln durch die wiederkehrende Beobachtung und auch durch die Bewegung leichter ein.

» Dass man in Bewegung überhaupt leichter lernt, …


Extratipp: Diesen Lerntipp gibt es auch in englischer Sprache: Running After Vocabulary!



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